Moritz ist da!

Moritz und seine Jungs.

Vor 2 Monaten bin ich zum ersten Mal stolze Mama geworden. 

Mein Sohn ist perfekt. Und er hat das Down Syndrom.

In der Zwischenzeit ist mir bewusst geworden dass ich nicht die Einzige bin und habe von vielen anderen erfahren, dass sie grade eine ähnliche Reise angetreten haben wie wir. Der Austausch mit ihnen hat mir sehr geholfen und mir gezeigt dass wir mit unseren Geschichten anderen Mut machen. Und selber besser verarbeiten können. Somit entstand der Wunsch nach diesem Blog den ich mit euch teilen möchte. 

 

 

Im Dezember 2017 habe ich nach einer unkomplizierten Schwangerschaft unseren Sohn Moritz zur Welt gebracht. 

3 Wochen zu früh und vollkommen überraschend ist er durch einen eiligen Kaiserschnitt geschlüpft. 

Ich bin sehr froh dass Gott an dem Tag dafür gesorgt hat dass alle Beteiligten so gut reagierten.

Bei der normalen Routineuntersuchung gab es Auffälligkeiten beim CTG. Ich sollte bitte sofort zur Kontrolle ins Krankenhaus fahren. 

Mit meinen Hunden im Kofferraum machte ich mich los. Eigentlich wollte ich mit ihnen in den Stall fahren. Aber das musste halt noch kurz warten. So dachte ich. So eine Kontrolle dauert ja nicht ewig.

Die Kontrolle zeigte ebenfalls Auffälligkeiten. Ich solle bitte zur Beobachtung über Nacht bleiben. Habe das nicht so recht ernst nehmen wollen...Ich habe trotzdem sofort Markus angerufen, er sollte bitte seine Arbeit abbrechen, mir was zum Anziehen bringen und vor allem die Hunde retten und mit nach hause nehmen.

Aus der Überwachung wurde nichts. Ganz plötzlich wurde alles ganz hektisch um mich herum. Ich hörte nur: wir müssen das Baby sofort holen! Zack zack wurde der Azubine erklärt wie man einen Blasenkatheter legt und schon war ich im Op. Dabei wollte ich so gern meinen Sohn bei abgedunkeltem Licht mit Markus gemeinsam zur Welt bringen. Und nicht bei heller Beleuchtung unter Stress und Hektik.... alles anders als erhofft.

Spritze in den Rücken, hinlegen, tief durchatmen.... Panik bekommen. Ohne ende Panik. Ich bin allein. Ich habe meinen Körper nicht unter Kontrolle. Ich bin allein. Mir wird heiß. Ich bekomme keine Luft. Und rufe um Hilfe. Meine ganze Welt drehte sich. Ich bekomme mein Baby. Aber doch nicht jetzt u hier und auf diese Weise. ... ich musste weinen. Die Azubine hielt meine Hand und redete beruhigend auf mich ein....

 30 min nachdem ich in den Op kam, wurde mir ein kleines blaues Geschöpf auf die Brust gelegt. Und 3 Minuten später wieder weg genommen. Man sagte nur: Anpassungsstörungen. Meine Trauer riesengroß. Ich wollte ihn bei mir haben. Kennen lernen. Kuscheln.

Moritz wurde gerade verkabelt und für die Fahrt in die Kinderklinik vorbereitet, als eine sehr betrübte Krankenschwester zu mir kam und sagte: es tut mir sehr Leid, aber ihr Sohn hat Trisomie 21. 

Ähm. Ok.. maximale Überforderung. Der Tag bis hier hin war durchweg chaotisch und emotional. Aber diese Aussage war zu hart. Was heißt das jetzt? Wie geht es ihm? Wo wird er hingebracht? Und warum überhaupt?  Was stimmt mit ihm nicht? Und wo zum Teufel ist der Mann???

Moritz war weg und ich blieb ganz allein zurück. 

Markus kam ein paar Minuten später. Die traurige Krankenschwester gab ihm gleich das Gefühl, Moritz sei gestorben. Dabei hat er nur ein Chromosom mehr als wir......

Er fuhr gleich hinterher um seinen Sohn kennen zu lernen. Ich blieb zurück. Vollkommen überfordert und sehr traurig. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Nach der Geburt im Kreisssaal mit dem Mann gemeinsam das Baby kennen lernen und zusammen sein und so. Nix da.

In Markus Abwesenheit kamen ständig Krankenschwestern und Hebammen zu mir um mir mehr oder weniger ihr Beileid zu bekunden, mir sehr liebevoll zu erklären wie unglaublich stark ich doch sei weil ich das so toll aufnehme und mir schon mal alle helfenden Einrichtungen nahe zu legen die es so gibt. Für Eltern mit behinderten Kindern. 

Behindertes Kind? Was soll denn das überhaupt heißen?  Und was bitte ist das für ein grässliches Wort??

Dann wurde ich traurig. Habe ich etwas falsch gemacht? Ist mein Sohn jetzt weniger wert? Wird er es schwerer haben? Wird er oder wir komisch angesehen? Ist mein Lebensgefährte jetzt enttäuscht von mir? Wird er ihn lieben? Wird er mich noch lieben? Tausend wirre Gefühle und Gedanken. 

Moritz Papa ist der Beste. Schnell machte er mir klar dass wir perfekt sind so wie wir sind und dass Moritz genau der Sohn ist, auf den er jahrelang sehnsüchtig gewartet hat.

Aber ein paar traurige Gedanken und Gefühle blieben dennoch...

Weil mein Akku fast leer war, hatte ein netter Arzt Fotos von Moritz gemacht während ich genäht wurde und schickte sie mir. Ich stellte fest dass ich ein ziemlich hübsches Kind zur Welt gebracht habe. Was heißt denn hier immer behindert? Ich habe einen Sohn. Einen ganz eigenen, richtigen, von Herzen gewollten wundervollen Sohn!

 

 

 

 

 

 

Erste Begegnung 2.0

Einen Tag nach der Entbindung wollte ich meinen Sohn sehen. Die Ärzte wollten natürlich nicht dass ich frisch operiert das Krankenhaus verlasse. War mir aber ziemlich völlig egal. Voller Schmerzen habe ich mich zu ihm fahren lassen.

Kinderklinik. Was für ein eigenartiger Ort. Voller Hoffnung und Trauer saßen die Eltern bei ihren winzigen, teilweise wirklich sehr sehr früh geschlüpften Babys. 

An all denen musste ich vorbei. Ganz langsam watschelte ich Richtung Moritz. Mein Herz klopfte sehr stark. Ich war richtig aufgeregt. So eine merkwürdige Situation. ..

Und da. Da war ein kleines Wärmebettchen mit der Beschriftung Moritz W.. ich konnte es kaum fassen. Da ist er. Mein Sohn. Mein kleiner Engel. Mein ein und alles. Oh Gott wie sehr ich sofort voller Liebe war.

Da lag ein ganz kleines Würmchen, verkabelt und an Monitore angeschlossen. Überall piept es. Irgendwie gedrücke Stimmung. Das Baby neben Moritz hatte immer mal ganz kurz einen Herzstillstand. Kaum auszuhalten. ..

Und dann endlich. Ich durfte ihn halten. Eine sehr liebe Kinderkrankenschwester kam und legte ihn mir auf die Brust. Sofort musste ich weinen. Und jetzt, 2 Monate danach, muss ich wieder weinen während ich das schreibe. Endlich durfte ich ihn fühlen, sehen, an ihm riechen, hören wie er atmet. Oh Gott was bin ich dir dankbar dass mein Sohn lebt. Ihn zu halten war so überwältigend. Ein richtig echter kleiner Mensch. 

Recht flott war Schluss mit der Romantik. Eine Ärztin wollte mir dann auch nochmal mitteilen dass mein Kind Trisomie 21 hat und ich aber noch einer Genetischen Untersuchung zustimmen solle. Ja. Wenn es denn sein muss... Alles ganz egal. Ich bin nämlich jetzt Mama. Mit richtigem Baby auf der Brust.

Moritz hat Trisomie 21. Da sind wohl Anpassungsstörungen gängig. Die Sauerstoffsättigung ist nicht ausreichend. Atmen und Schlucken im Wechsel schafft er nicht. Er hatte eine Nasensonde damit er sein Essen aufnehmen kann. Zusätzlich wurde er mit Sauerstoff versorgt. 

Ich konnte das alles irgendwie noch nicht so richtig realisieren. Das Baby ist ja schon da. Und kommt hier auf der Welt noch nicht so ganz klar. Wird er es überhaupt lernen?

 

Die Zeit in der Klinik

Sehr schnell habe ich mich aus dem Krankenhaus selbst entlassen. 

Ich konnte das nicht ertragen. Überall glückliche Paare mit ihren Babys und ich sitze alleine aber in Gesellschaft meiner Milchpumpe ohne Baby rum und warte bis jemand mit mir zu Moritz fährt. 

Viel zu viel Zeit für komische traurige Gedanken und verwirrte Gefühle. Ich stehe zu meinem Sohn und seiner Besonderheit.ich liebe ihn wie er ist. Aber wie werden andere reagieren? Wehe jemand hat Mitleid.

Was wird mit ihm sein? Ist er richtig behindert oder nur ein bisschen? Was für Begleiterscheinungen hat er? Wie wird sein Leben verlaufen? So viele Fragen immer und immer wieder. Ich muss heim. Da wird alles besser. Da hab ich meinen Mann und meine Hunde. Die trösten mich.

Also. Ab nach hause. Meine Depressionen waren nicht gleich weg. Aber doch schon viel besser. Die Schmerzen nicht...

Jeden Tag 30 min hin zum Moritz und 30 zurück. Dazwischen so lange es geht da bleiben. Ganz doof für eine frische Bauch Op... ganz egal. Ich will ihn sehen. Jeden Tag. 

Nach kurzer Zeit durfte er weg von der Intensiv. Endlich durften wir ihn behandeln wie unser eigenes Kind. Wickeln, füttern,  stillen üben, kuscheln und rum tragen. Damit ging es uns schon viel viel besser. Sein Zustand wurde schnell stabil. Nach 2 Wochen durfte er endlich heim. Es waren die längsten 2 Wochen in meinem Leben. Aber immerhin hatten wir in der Zeit Gelegenheit den Zwerg kennen zu lernen und viel Zeit mit ihm zu verbringen. Stundenlang lag er auf mir und schlief ganz friedlich. Einfach ein wunderbares Gefühl. 

Der Oberarzt kam schließlich und sagte sie haben ihn mehrfach quasi auf links gedreht. Er ist komplett in Ordnung. Herz gesund, alle anderen Organe gesund, Hirnströme prima. Voll gesunder kleiner Spatz. Dafür aber mit einem Chromosom extra. Eine Laune der Natur. Trotzdem hat er alle Chancen auf ein "normales" Leben. Sagt der Doc.

Ratz fatz haben wir ihn zermoniell in seine ersten eigenen Anziehsachen gepackt, ihn in den Maxi Cosi gesteckt und ihn voller Stolz aus dem Krankenhaus getragen. So. Wir sind dann jetzt Eltern. Also schon seit 2 Wochen. Aber jetzt halt so richtig. Mit Baby im Auto :)